Unsere Vorfahren in der Urzeit waren konfrontiert mit vielen Aufgaben und Gefahren. Eine Methode, damit zurecht zu kommen war, über mögliche Lösungen nachzudenken, sie mit anderen zu besprechen und sie auszuprobieren. Wie wir es auch machen: Versuch und Irrtum…
Darüber hinaus praktizierten sie eine Methode, die in unserer westlichen Kultur wenig genützt wird: sie gingen in eine Entspannung und ließen in Trance Lösungen aufsteigen. Davon geht man aus, weil es die jetzt noch existierenden Stammeskulturen noch immer so machen, wie sie es von ihren Vorfahren gelernt haben.

Der Psychologe Dr. August Thalhamer, Jhg. 1943, arbeitet als Psychotherapeut, Entspannungstrainer und spiritueller Lehrer in freier Praxis in Linz an der Donau. Autor des Buches „Der Heilungsweg des Schamanen – im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung“.
Unsere Ahnen waren sich sicher, dass diese Einfälle und Eingebungen von guten Mächten, Schutzgeistern und wohlwollenden Ahnen geschickt werden.
Erfreulicherweise sind aber auch wir westlichen stressgeplagten Menschen fähig, in eine leichte Trance zu gehen und so Lösungen für aktuelle Themen und Fragen zu erhalten.
In der westlichen Psychologie sprechen wir freilich nicht von der Kontaktaufnahme zu Geistführern und Krafttieren etc. In der „Humanistischen Psychologie“ nennen wir dies die Befragung der Weisheit des Unbewussten. Weil man davon ausgeht, dass wir uns im irdischen Leben nicht nur mit einer Reihe von Problemen auseinandersetzen müssen, sondern dass auch eine riesige Fülle an Weisheit in uns wohnt, an die man aber nicht durch Nachdenken, sondern v.a. durch Entspannung rankommt.
Man kann diese alten schamanischen Techniken lernen und üben. Denn jeder Mensch hat in sich eine Andockstelle ans Unendliche. Die westliche Variante der schamanischen Reise z.B. in die Untere Welt ist recht einfach:
Während ein gleichmäßiger, eintöniger Rhythmus auf der Trommel geschlagen wird (kann auch von einem Tonträger kommen), legt man sich auf den Rücken, schließt die Augen und lässt den Schlag der Trommel auf sich wirken. Darauf erscheint vor dem inneren Sensorium (sichtbar, hörbar oder einfach spürbar) ein Platz in der freien Natur. Dort verweilt man kurz und begibt sich dann – mit dem Wasser in die Erde einsinkend oder durch einen Gang, einen Tunnel oder Ähnliches, auch Beamen ist möglich – nach unten, bis man in der Unteren Welt anlangt, in der meistens Landschaften wie auf der Erde mit Wäldern und Flüssen usw. erlebt werden. Dort erscheint ein Tier – schamanisch erlebt man das Zentrum seiner Kraft üblicherweise als Tier. Man vertreibt sich die Zeit mit ihm und kann ihm auch Fragen stellen, bis (z. B. nach einer halben Stunde) das Rückholsignal ertönt, woraufhin man sich bedankt und verabschiedet, auf den Kraftplatz oben und von dort wieder in die mittlere Welt, den Wachzustand, zurückkehrt, den uns am meisten vertrauten Teil der Wirklichkeit.
Um nicht versehentlich Falsches einzuüben, wird man das schamanische Reisen wie alle Entspannungs- und Meditationsformen besser unter Anleitung, z. B. in einer Gruppe, lernen. In den Stammeskulturen reisen Schamanen nicht nur für sich, sondern vorwiegend für andere: zur Lösung von Problemen, zur Behandlung von Krankheiten etc. Dazu Begabte können das natürlich auch in unserer Kultur. Man geht dazu in Trance in andere Welten, erhält von seinen Geistführern die Diagnose und wie man den Klienten behandeln soll.
Dann wird z. B. die alte Traurigkeit, die das Herz des Patienten bedrückte und die z.B. als Nägel im Herzen wahrzunehmen sind, in einem Fluss entsorgt. Oder es werden »Besetzer« (psychologisch gesehen: Altlasten durch Vorfahren), mit denen der Patient verstrickt ist, oder Geistwesen, die einem Energien absaugen. Sie werden durch Verhandlungen oder auf andere Weise dazu gebracht, den Patienten loszulassen und abzuziehen. Oft holt und reintegriert die Schamanin einen Seelenteil, der dem Patienten fehlt oder verloren gegangen ist – in der Sprache der Gestalttherapie: die abgespaltenen Persönlichkeitsanteile.
Natürlich lebt man unbeschwerter und leichter, wenn man weiß, dass eine Quelle der Weisheit in einem sprudelt, die man im Prinzip jederzeit aufsuchen kann. Man muss dazu nur still werden und leer und bereit sein für Eingebungen. Nach dem Prinzip: Wer ein Problem hat, hat auch die Lösung schon in sich.